Geschichte der Walburgisgemeinde

Ablassbrief vom 1. Januar 1290

In der Zeit um 800 lebten in der hiesigen Gegend die Sachsen, die als ein germanisches Volk an die alten heidnischen Götter glaubten. Der König der Franken, Karl der Große, versuchte im Zuge der Vergrößerung seines Reiches auch das Sachsenland zu erobern und die dort lebenden Menschen zu Christen zu bekehren. Es kam zu einem über 30 Jahre dauernden Krieg, in dem ihm Herzog Wittekind als Führer der Sachsen gegenüberstand. Noch bevor Karl den Sieg davontragen konnte, gründete er im Sachsenland sogenannte Missionszellen; eine davon entwickelte sich später zur Stadt Osnabrück mit Sitz eines Bischofs. Von hieraus zogen Priester durch das Osnabrücker Land, um zu missionieren. Im neunten Jahrhundert entstand die „Kapelle im Osten" von Osnabrück: Ostercappeln. Zu diesem Urpfarrkirchenbezirk gehörte das Gebiet des Wittlager Landes. Im 13. Jahr­hundert, vor 1273, spaltete sich Venne von Ostercappeln ab und wurde kirchenrechtlich eigenständig. Schon bald darauf begannen die Venner eine Kirche zu errichten, damit sie fortan nicht mehr den weiten Weg nach Ostercappeln zum Gottesdienst zu gehen brauchten. Obwohl sich mit Darpvenne schon eine dorfähnliche Ansiedlung in ihrer Gegend befand, setzte die Gemeinde ihre Kirche weiter nördlich auf ein Grundstück des Meyer-hofes zu Venne. Das Gotteshaus wurde der heiligen Walburga geweiht. Einen Anreiz zum Gottesdienstbesuch bildete für viele Menschen die Ablassurkunde des Papstes Nikolaus vom 1. Januar 1290, die besagt, dass jedem Gläubigen, der an bestimmten Festtagen die Venner Kirche besucht, eine anschließende 40tägige Vergebung der Sünden gewährt wird. Die ersten Priester kamen jedes Mal aus Ostercappeln, um den Gottesdienst zu halten. Einer davon war Radulph Presbyter, der erschlagen wurde. Der Paterstein vor der Kirche erinnert daran. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts erhielt Venne eine eigene Pfarr­stelle. Zur Unterhaltung des Pfarrers diente der Wamhof in Darpvenne, außerdem teilten ihm die Kirchspielseingesessenen etwas Land für die eigene Wirtschaft zu und finanzierten den Bau des Pfarrhauses.

Der erste bekannte Inhaber der Pfarrstelle Venne hieß Dethard Alfframingh, von dem man weiß, dass er 1343 am päpstlichen Hof in Avignon starb: Seine Nachfolge trat im selben Jahr ein Bürgersohn aus Osnabrück an, Wessel von Mundersethe. Von den näch­sten Pfarrern kennen wir kaum mehr als ihre Namen: Heinrich von Essen (um 1355), Herman Scrape (um 1376), Johannes de Bippen (um 1431), Johannes Nyehus (um 1480), Dr. Dehn (um 1525). Eine noch vorhandene Urkunde vom Mai 1480 überliefert, dass die Witwe Grete Kemener der Venner Kirche einen Kotten mit Grundstück, das Ahlenbrock, schenkte; dafür sollte in den Gottesdiensten für ihr Seelenheil gebetet werden.

Es gibt keine Information darüber, wann in Venne die Reformation, also das evangelisch-lutherische Bekenntnis, Einzug gehalten hat. Jedenfalls begann seine Ausbreitung über das Osnabrücker Land im Jahr 1543 mit dem Wirken des Reformationspredigers Hermann Bonnus, der auf Wunsch des Osnabrücker Bischofs die Gedanken Luthers auch in unsere Heimat trug.

Der Venner Pastor Petrus Hasselius wird um 1598 schon im lutherischen Sinne gepredigt haben, was auch für seinen Nachfolger Ludolf Giesel um 1605 zutrifft. Im Jahr 1625 kam in Osnabrück wieder ein katholischer Bischof an die Macht, der versuchte, das lutherische Bekenntnis wieder aus den Kirchen zu verdrängen, was ihm für Venne auch gelang. Dort hatte 1609 der verheiratete Herbon Busch das Pastorenamt angetreten. Doch als er sich dem katholischen Bischof unterwarf, musste sich seine Frau von ihm trennen. Ihr Mann starb um 1628 in Ostercappeln. Zu seiner Amtszeit fand 1625 eine Visitation aller Kir­chengemeinden im Osnabrücker Land statt. Im Bericht über Venne heißt es, dass der Pastor und die Kirchengemeinde ungebildet seien und der Küster die Kirche vernachläs­sige. Bis 1632 wirkte der katholische Pastor Lukas Beckmann in Venne und legte das erste Kirchenbuch an. Ein kurzes Zwischenspiel gab der wieder lutherische Johannes Brink-mann, Sohn des Küsters, den man schon 1634 entließ. Sein Nachfolger bis 1659 hieß Gerhard Wellermann. Nach dem 30jährigen Krieg wurde jede Kirchengemeinde im Os­nabrücker Land auf das Bekenntnis festgelegt, das sie schon im Jahr 1624 besessen hatte. Für Venne bezeugte ein Kirchenvorsteher das lutherische Bekenntnis, wenn es damals auch einen katholischen Pastor gehabt und man sogar Prozessionen durchgeführt habe. Durch diese Einschätzung wurde Venne 1650 endgültig evangelisch, obwohl man bezwei­feln darf, dass die Menschen damals überhaupt den Unterschied zwischen den beiden Bekenntnissen verstanden.

Johan Christoph Wilker, Pastor von 1659 bis 1672, stammte wahrscheinlich von einem Venner Hof, während sein Nachfolger, 1672 bis 1699, Johann Stipp, sogar durch Heirat Gutsbesitzer auf Wahlburg wurde. Er verlor sein Amt u. a. deshalb, weil er sich Ostern 1698 während des Gottesdienstes vor der Kirche mit dem Barenauer Hausprediger geprügelt hatte.

1656 wurde eine neue Turmuhr und 1670 eine neue Orgel angeschafft sowie 1699 ein neues Pfarrhaus errichtet. Das Jahr 1699 steht außerdem für den Amtsantritt von Johann Kaspar Juch und für den Beginn der lückenlosen Führung der Kirchenbücher. Juch galt als fähiger Pastor, er starb 61jährig im Jahr 1730. Ihm folgte Johann Heinrich Merckel, gestorben 1743. Der Barenauer Hausprediger machte ihm das Amt streitig, das Merckel aber behielt, zumal die Gemeinde geschlossen hinter ihm stand.

Die nächsten drei Pastoren verbrachten je 50 Jahre in Venne. Der erste, Gerhard Metzener (1743-1794), galt als fähiger Theologe sowie Prediger des Einfachen, und seine Gemeinde brachte ihm Liebe und Zutrauen entgegen. Er versah nebenbei ein Amt in der Osna­brücker Kirchenleitung, dem Konsistorium zu Osnabrück.

Ein Verwandter folgte ihm im Amt, Johann Zacharias Stüve (1794-1844). In seine Amts­zeit fiel die Erbauung eines neuen Pfarrhauses (1802), das 1975 abgerissen wurde, und die Verlegung des Friedhofes vom Kirchhof an seinen heutigen Platz. Sein Sohn Ludwig Stüve, der ihn schon seit 1830 unterstützt hatte, trat die Nachfolge 1844 an. Er erzog seine Konfirmanden mit Strenge und genoss als „Tugendprediger" den Respekt der Gemeinde. Dem Pastorenweg hat er den Namen gegeben, weil er dort häufig spazieren ging. 1844 ließ er die alte, angeblich baufällige Kirche abreißen, die bei rund 2000 Gemeindegliedern nur 358 Sitzplätze bot. 1847 wurde die jetzige Kirche fertiggestellt.

1885, in der Amtszeit von Pastor Friedrich Knoke (in Venne 1881-1892), wurde während des Gottesdienstes ein Besucher in der Kirche vom Blitz erschlagen. Unter Pastor Adolf Mielke, der 1892 nach Venne kam, veränderte sich das Gesicht der Kirche, z. B. durch Anschaffung einer neuen Turmuhr, eines neuen Taufsteins und des Altarbildes. Der Forschertätigkeit dieses glühenden Patrioten verdankt Venne die Aufstellung der Stamm­bäume fast aller eingesessenen Familien.

Der gute Prediger Philipp Einstmann wurde von 1918 bis 1927 sein Nachfolger. Venner Bürger, die zwischen 1927 und 1935 konfirmiert wurden, erinnern sich, dass sie beim damaligen Pastor Albert Garve immer viel auswendig zu lernen hatten. In seiner Zeit sank die Zahl der Gottesdienstbesucher, vielleicht wegen der ihm fehlenden Nähe zur Ge­meinde.

Mit Walter Teuteberg kam 1936 ein Pastor, der es mit diplomatischem Geschick verstand, unter der Herrschaft des Nationalsozialismus einen Weg für die Praktizierung des evangelischen Glaubens zu finden. Die Bibeltexte gut auslegende und für jeden Zuhörer ver­ständliche Predigten zählten ebenso zu seinen Eigenschaften wie die Tatsache, dass er vieles selbst in die Hand nahm und z. B. die Chöre selbst leitete. Durch seinen Tod 1974 verlor die Kirchengemeinde außerdem einen sparsamen Haushalter.

Eine notdürftige Innenrenovierung bereitete der 100 Jahr-Feier der Kirche am 1. Advent 1947 einen würdigen Rahmen. Ende der 50er Jahre, nach dem Bau der neuen Schule, kaufte die Kirchengemeinde das alte Schulgebäude, um es in ein Gemeindehaus umzu­wandeln, renoviert 1978. 1965 finanzierte die Samtgemeinde den Bau einer Kapelle auf dem Venner Friedhof und 1969 bekam die Kirche einen neuen Innenanstrich, Außentüren und Fenster wurden renoviert.

Werner Normann, der sich durch Gemeindenähe auszeichnet, wurde 1975 in sein Amt eingeführt. Seitdem ist die Zahl der Kirchgänger deutlich gestiegen. Zu den zahlreichen von ihm eingeführten Neuerungen zählen der Gemeindebrief, die Aktion „Gottesdienst für Alte und Kranke" auf Tonbandkassetten und die jährlich stattfindende Venner Abend­musik. Das heutige Gemeindeleben prägen neben Posaunen- und Walburgischor die Frau­enhilfe, der Seniorenclub und die Jugendgruppe. Die Kirchengemeinde umfasst Broxten, Niewedde und Vorwalde sowie die Westhälfte Schwagstorfs und einige Häuser aus Icker.

Otto Schomaker